Zahl der Flutopfer steigt weiter

(Quelle: dpa) Zahl der Flutopfer steigt weiter

Bad Neuenahr-Ahrweiler (dpa/lrs) - In der Katastrophenregion in Rheinland-Pfalz bereiten sich Bewohner und Helfer auf vorhergesagte Regenfälle vor.
Die ganz großen Niederschlagsmengen werden derzeit aber nicht erwartet. «Ich habe im Augenblick keine Hinweise darauf, dass Wassermengen drohen wie das der Fall gewesen ist», sagte Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Freitag in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Man beobachte die Meldesituation «ganz, ganz aufmerksam», ergänzte er. Rückzugsmöglichkeiten für die Bevölkerung seien ebenso vorbereitet wie mögliche Lautsprecherdurchsagen für Warnungen.
Die Zahl der Todesopfer in der Region kletterte weiter auf nunmehr 132, das waren 4 mehr als am Vortag. Vermisst wurden den Angaben zufolge noch 149 Personen, 766 Menschen mit Verletzungen wurden behandelt. Die Polizei wird die Suche nach Vermissten bis auf weiteres fortsetzen, betonte Lewentz. «Wir haben uns fest vorgenommen, alles dafür zu tun, dass wir den Menschen Gewissheit über ihre Angehörigen geben können.» Jeder Fall werde akribisch abgearbeitet.
«Wir gehen aber nicht davon aus, dass diese Personen am Schluss auch identisch sind mit einer weiteren Anstiegszahl von Toten.» Darunter seien sicher auch Menschen, die im Urlaub unterwegs seien. «Wir hoffen das sehr.»
Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) kann es am Wochenende zu Niederschlagsmengen zwischen 25 und 40 Litern pro Quadratmeter in kurzer Zeit kommen. Allerdings soll die Regenmenge dem DWD zufolge meist unterhalb der Warnschwelle bleiben. Der Leiter des Krisenstabes, Thomas Linnertz, sagte am Freitag in Bad Neuenahr-Ahrweiler, nach den Vorhersagen des Wetterdienstes bestehe für die Ahr «keine richtige Hochwassergefahr». «Das heißt: Es wird keine Evakuierungsnotwendigkeit für das ganze Ahrtal bestehen.»
Es könne aber sein, dass wegen erwarteter lokal begrenzter Starkregenereignisse ab Samstagnachmittag in manchen Gebieten die Menschen aufgefordert werden müssten, ihre Häuser zu verlassen, sagte Linnertz. Es gebe ein Problem mit dem Oberflächenwasser, das wegen zerstörter oder verstopfter Kanäle möglicherweise dann nicht abfließen könne. Wo das Oberflächenwasser zum Problem werden könne, solle die Bevölkerung in den wohl «sehr begrenzten Gebieten» mit Lautsprecherdurchsagen gewarnt werden. Zusätzlich zu den bestehenden Notunterkünften werde eine weitere für 1000 Menschen in der Verbandsgemeinde Grafschaft vorbereitet. Der Transport mit Bussen sei vorgeplant. Linnertz zufolge werden mobile Pegel installiert, um Wasserstände besser kontrollieren und ablesen zu können.
Etwas weiter westlich teilte der Eifelkreis Bitburg-Prüm mit, auch wenn die Wetterprognose nicht als bedrohlich für den Kreis eingeschätzt werde, könnte es infolge des zurückliegenden Hochwassers vereinzelt kritische Situationen geben. Der Katastrophenschutz treffe in Abstimmung mit den Feuerwehren Vorkehrungen, insbesondere würden Sandsäcke vorbereitet. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich über «zuverlässige Quellen» in Radio, Fernsehen und Internet oder entsprechende Warn-Apps auf dem Laufenden zu halten.
Der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Rheinland-Pfalz, Frank Hachemer, sagte im Radioprogramm SWR Aktuell, die Einsatzplaner bereiteten sich auf den angekündigten Starkregen vor. «Im Moment wird gerade massiv schweres Gerät ins Einsatzgebiet geschickt und auch dort vorgehalten, um alles passierbar zu machen.»
In der Flutregion sind laut der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) derzeit insgesamt mehr als 5000 Einsatzkräfte, darunter 1600 Feuerwehrleute, 2000 Personen vom Technischen Hilfswerk (THW), 800 Sanitätskräfte und mehr als 1000 Polizisten. Auch Angehörige der US-Streitkräfte beteiligen sich an der Hilfe. Es handele sich um Pioniere, die mit ihren Geräten und Fahrzeugen Brücken setzen oder legen, teilte das Innenministerium in Mainz mit.
An mittlerweile 30 Servicestellen in der Region werden die Menschen laut ADD mit Hygienehinweisen versorgt und etwa über Unterbringungsmöglichkeiten und anderes informiert. Vorbereitet werde die Bereitstellung von 60 000 Litern Dieselkraftstoff und dessen Verteilung über mobile Tankstellen. Hubschrauber sind nach wie vor im Einsatz, um Menschen in schwer zugänglichen Bereichen des Ahrtals mit Hilfsgütern, Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Um der Trinkwasserknappheit zu begegnen, untersagte der Zweckverband Eifel-Ahr jegliche Wasserverschwendung auch für nicht von der Flut betroffene Gebiete. Es dürften keine Autos gewaschen, keine Pflanzen gewässert und keine Pools befüllt werden, teilte die Stadtwerke Bonn Regional am Freitag mit. «Der Notstand ist noch nicht vorbei, außerdem brauchen wir ausreichend Wasser für mögliche Brandfälle.» Verstöße gegen die Anordnung zum Wassersparen würden geahndet.
Unvermindert weiter gehen die Aufräumarbeiten, auch bei der Deutschen Bahn - in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Der Konzern ist zuversichtlich, dass bis Ende des Jahres die größten Schäden behoben werden können und der Verkehr wieder weitgehend normal läuft. In manchen Regionen, vor allem in Rheinland-Pfalz, könnte es hingegen länger dauern. «Etwa an Eifel und Ahr ist von den bisherigen Strecken und Anbindungen wahrlich nichts mehr zu erkennen», sagte der Vorstand für Anlagen- und Instandhaltungsmanagement bei der Bahn-Tochter DB Netz, Volker Hentschel, am Freitag. «Hier reden wir von Monaten, wenn nicht sogar an einigen Stellen von Jahren.» Die Bahn schätzt die Schäden an Strecken, Bahnhöfen und Fahrzeugen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen auf insgesamt rund 1,3 Milliarden Euro.
Ein Lichtblick in der gebeutelten Region ist, dass rund 90 Prozent der ausgefallenen Mobilfunkkommunikation nach Darstellung des Digitalministeriums in Mainz wiederhergestellt sind. «Jeden Tag gelingt es, die Mobilfunkversorgung weiter zu verbessern», sagte Minister Alexander Schweitzer (SPD) in Mainz. «Dort, wo die Energieversorger die Stromversorgung nicht zeitnah wiederherstellen können, wird mit Netzersatzanlagen gearbeitet, um Ersatz für die zerstörte Infrastruktur zu schaffen.» In besonders schwer getroffenen Ortschaften an der Ahr sei das Gelände aber so zerstört, dass noch keine Ersatzanlagen aufgestellt werden könnten.
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Quelle: dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

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