Weltkulturerbe-Bergwerk im Harz ist viel älter als gedacht

3. Juni 2021 ©
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Goslar (dpa) - Ein Zufallsfund bringt den Durchbruch: Bergbau im Erzbergwerk und heutigen Weltkulturerbe Rammelsberg im Harz hat es neuen Forschungsergebnissen zufolge schon etwa 300 Jahre früher als vermutet gegeben.
In einem als abgeschlossenen geltenden, tatsächlich aber zugänglichen Schacht sei ein Lederstück gefunden worden, teilten die Stiftung Unesco-Welterbe im Harz und das niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege am Donnerstag in Goslar mit.
Dank des Fundes habe der Abschnitt ins 9. bis 10. Jahrhundert datiert werden können - es handele sich um den ältesten heute noch zugänglichen Stollen eines mittelalterlichen Bergwerks in Deutschland und eine «montanhistorische Sensation». Das Bergwerk am Nordrand des Harzes ist seit 1992 als Weltkulturerbe eingestuft.
Bislang galt der Rathstiefste Stollen, ein Entwässerungsstollen des Bergwerks, als einer der ältesten sogenannten Wasserlösungsstollen in Europa. Anhand schriftlicher Quellen konnte er ins 13. Jahrhundert datiert werden, dürfte aber angesichts des Fundes ebenfalls deutlich älter sein, urteilten die Forscher.
«Es raubt einem den Atem», sagte Katharina Malek von der Arbeitsstelle Montanarchäologie des Landesamts. Kurz vor Abschluss eines Forschungsprojekts sei der Schacht entdeckt worden: «Wir wurden nervös, weil der Streckenlauf unmittelbar deutlich machte, dass es sich um einen wirklich alten Bereich handeln musste, den überdies seit Jahrhunderten niemand betreten hatte», sagte sie. «Es ist ein unglaublich tolles Gefühl.» Dabei hatte man eigentlich vermutet, dass vor allem der moderne Bergbau den Rammelsberg prägte. Ihr Kollege Georg Drechsler sagte, er habe eine Gänsehaut bekommen, als er das Leder entdeckte: «Die Situation unter Tage erinnerte uns an Arbeitsplätze, die gerade erst verlassen worden waren.»
Das Forschungsprojekt «Altbergbau 3D» lief seit März 2018, beteiligt waren die Arbeitsstelle Montanarchäologie, das Weltkulturerbe Rammelsberg und das Institute of Geo-Engineering der Technischen Universität Clausthal. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte das Ende Mai abgeschlossene Projekt mit rund einer halben Million Euro.
Die Ergebnisse entstanden im Zusammenspiel von Forschern aus drei Disziplinen - anders wäre die Entdeckung auch nicht möglich gewesen, betonte Malek. Experten der TU Clausthal erfassten den Rammelsberg und schufen dreidimensionale, virtuelle Modelle. Mit ihnen arbeiteten Historiker und montanarchäologische Forscher zusammen. Verwertet wurden 50 000 Fotos und über 1,5 Stunden Videomaterial. Auch aus filigranen historischen Modellen aus dem 19. Jahrhundert, etwa von Wasserrädern, entstanden virtuelle Gebilde - diese lassen sich in Ansichten des ursprünglichen Bergwerks projizieren. Die Modelle gehören zur Sammlung des Bergwerksmuseums in Clausthal-Zellerfeld, sie dienten zur Ausbildung von Bergleuten.
Unklar sei noch, um was es sich bei dem Lederstück handele, sagte Malek. Die zusammengenähten Stücke seien in einem «sehr fragilen Zustand». Möglicherweise sei es ein Beutel - oder der Rest eines Schuhs. Außerdem zeigten die Forscher mit Hilfe mittelalterlicher Urkunden, Briefe und Rechnungen, dass deutlich früher Maschinen am Rammelsberg eingesetzt wurden als angenommen. Sogenannte Kehrräder, die eindringendes Wasser aus den Tiefen der Grube nach oben befördern sollten, waren schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und nicht erst im 16. Jahrhundert im Bergwerk im Betrieb.
Die Entdeckungen hätten Konsequenzen für die Geschichte des Bergbaus, betonte Malek. Der Geschäftsführer des Weltkulturerbes Rammelsberg, Gerhard Lenz, sagte: «Gerne werden wir also die Geschichtsbücher dieses historischen Orts mit Abschluss des Projekts neu schreiben.»
© dpa-infocom, dpa:210603-99-847152/4
Quelle: dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

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