Pflegeheime besonders von Corona betroffen

Hoyerswerda (dpa/sn) - Schutzausrüstung rund um die Uhr, lange Dienste, nicht genügend Personal - für die Pflegekräfte in Heimen wird die Corona-Krise zunehmend zu einem Problem. «Das geht an die Grenze der Belastbarkeit», sagte Sandra Gehrmann, Pflegeleiterin des Laurentius-Hauses in Hoyerswerda. Die Einrichtung der Diakonie Libera mit 120 Senioren und 114 Mitarbeiten blieb zwar bisher vom Corona-Virus verschont, aber Gehrmann weiß, wovon sie spricht: Sie sprang im nahe gelegenen Haus Rosengarten in Hoyerswerda ein, wo mehr als die Hälfte der 32 Bewohner am Coronavirus erkrankten, drei Menschen starben vermutlich im Zusammenhang mit Covid-19. Von den 40 Pflegekräften musste ein Großteil in häusliche Quarantäne. «Eine echte Herausforderung, den Alltag zu meistern», sagte Gehrmann. Die Situation sei nur zu bewältigen gewesen, weil Mitarbeiter aus anderen Häuser einsprangen und ihre Hilfe anboten: Von einer Woche im Haus schlafen bis hin zu 12-Stunden-Diensten. Rund um die Uhr Schutzmasken zu tragen und Abstand zu den Bewohnern zu halten, erschwere die Pflege. «Zumal es zu Beginn ein Problem war, überhaupt Schutzmasken zu bekommen», so Gehrmann. Mittlerweile habe sich die Lage aber zumindest in Sachen Mundschutz entspannt. «Dafür ist es jetzt schwer, Schutzkittel zu bekommen.» Pflegeheime sind in Sachsen besonders betroffen: Nach Angaben des Gesundheitsministeriums stammen 64 der 158 bisher an einer Infektion mit dem Coronavirus gestorbenen Personen aus Altenheimen (Stand 30. April). Von den 970 Einrichtungen in Sachsen sind 41 betroffen - zwischenzeitlich waren es sogar bis zu 46 Häuser. Sobald ein positiver Fall in einem Heim auftritt, werden alle Bewohner und Pfleger getestet. Auch wer Symptome hat, wird untersucht. Im Landkreis Bautzen etwa sind zudem mobile Teams unterwegs, um Abstriche in den Heimen zu nehmen. Auch im Laurentius-Haus wurden in den vergangenen Tagen Bewohner und Pflegekräfte getestet, ohne dass es einen Verdachtsfall gab. Sandra Gehrmann sieht die Tests zwiegespalten - und spricht von einer «gefühlten Sicherheit». Die Inkubationszeit sei lang, negative Testergebnisse bedeuteten deshalb nicht unbedingt, dass niemand infiziert sei. «Unsere Mitarbeiter sind aber sensibilisiert, gehen alle vorsorglich mit der Situation um.» Die Diakonie Libera verantwortet neun Einrichtungen in Sachsen und Südbrandenburg, darunter Alten- sowie Kinder- und Jugendhilfe. Die beiden Stiftungsvorstände, Christina Lumper und Silke Schlegel, sprechen von einer «Krisenroutine», in der man mittlerweile angelangt sei - und haben klare Forderungen an die Politik: Mehr Personal, eine Aufwertung der Pflegefachkräfte und angemessene Bezahlung. «Verlässliche Strukturen, die die systemrelevanten Berufe auch tatsächlich wertschätzen.» Weil zwischenmenschliche Kontakte derzeit nur schwer möglich sind, spielen in vielen Häusern digitale Medien eine zunehmend größere Rolle. «Da ist die Akzeptanz gestiegen», so Schlegel. Kinder in Heimen könnten etwa per Videotelefonie Kontakt zu ihren Eltern halten, auch in manchen Pflegeheimen komme die Technik zum Einsatz. Die Gesellschaft verändere sich, Leute werden immer älter, Kinder wohnten oft nicht mehr in der Nähe der Eltern. «Diese Chancen und Ideen sollten wir weiter denken, auch nach Corona.» Weil die Bewohner im Laurentius-Haus zum Schutz vor einer Infektion zum Großteil auf ihren Zimmern bleiben müssen, haben sich die Kinderheime und Tagesstätten der Stiftung einiges einfallen lassen: Jede Woche kommt ein Umschlag in das Seniorenheim mit bunten und kreativ gestalteten Bildern, kleine Videos, auf denen die Kinder Flöte spielen oder Lieder singen. Und dennoch ist es für die Senioren nur ein kleiner Trost. Das weiterhin geltende Besuchsverbot mache allen Seiten zu schaffen - Senioren und Angehörigen, sagt Einrichtungsleiterin Silke Eichler. Um den Kontakt auch in der Corona-Krise zu halten, bleibt meist nur der Griff zum Telefon, mancher Bewohner greift auch zum Stift und schreibt einen Brief. Vor allem für Demenzkranke, die meist nicht verstehen könnten, warum sie in ihren Zimmern bleiben müssten, sei die Situation schwer. Normalerweise werden die Senioren in den Häusern in kleinen Gruppen betreut, gemeinsam wird gesungen, gebastelt und gespielt. Jetzt bleiben die meisten auf ihren Zimmern oder dürfen zu einem Spaziergang in den Garten - aber nur wenn sie nicht an Covid-19 erkrankt oder schon wieder genesen sind. «Die Pfleger müssen zu jedem einzelnen hingehen, niemand darf vergessen werden», sagt Eichler. Während nach und nach erste Lockerungen der Corona-Beschränkungen in Kraft treten, bleibt das Besuchsverbot in Heimen vorerst bestehen. «Wir verstehen jeden Angehörigen und die Bewohner», so Gehrmann. Auf der anderen Seite sei das Risiko groß, mit Besuchern auch eine Infektion ins Haus zu tragen. Gehrmann und ihre Kollegen überlegen derzeit, wie es zumindest wieder Sichtkontakt zwischen Senioren und ihren Familien geben könnte. Denkbar sind etwa Gespräche über Balkon oder das offene Fenster vom Garten aus. Damit nicht zu viele Angehörige zur gleichen Zeit im Garten sind, könnten etwa Termine vergeben werden. «Da suchen wir gerade nach einer Lösung.»

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